Selbständige Sektion Berlin

20 Jahre deutsche Wiedervereinigung

In der restlos ausgebuchten Politischen Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin-Tiergarten empfingen 230 Zuhörer den früheren Inspekteur des Heeres GenLt a. D. Jörg Schönbohm. Im Dialog mit Professor Dr. Arnulf Baring stellte er seine frisch erschienen Lebenserinnerungen vor.

Ausgangspunkt war die Schilderung der Flucht 1945 vor der Roten Armee aus Brandenburg nach Nordhessen, wo der Autor seine Gymnasialzeit absolvierte. Prägend war sein Deutschlehrer, der – unbelastet vom Nationalsozialismus – sie Literatur der deutschen Klassik, aber auch die Toleranz des preußischen Königs und des gesamten Staatswesens in den Mittelpunkt der Bildung rückte. So war es dann kein Zufall, dass sich der als Wehrpflichtiger „gezogene“ Jörg Schönbohm, angesprochen von seinem Brigadekommandeur, bei der jungen Bundeswehr zum Soldaten auf Zeit verpflichtete, sich zum Offizier ausbilden ließ und schließlich zum Berufssoldaten ernannt wurde. Er wollte immer die Freiheit verteidigen; dies hat er als Soldat, später als Staatssekretär im BMVg, zuständig für Rüstungsfragen, als Innensenator im wiedervereinigten Berlin sowie bis in das vergangene Jahr hinein als Innenminister des seit 20 Jahren wiederbegründeten Bundeslandes Brandenburg in seiner gesamten Karriere unter Beweis gestellt.

Autorenlesung mit Minister a.D. und GenLt a.D. Jörg Schönbohm in der KAS - Akademie Berlin

(Foto: Konrad-Adenauer-Stiftung)

Durch seine Stationen im BMVg sowie bei der NATO vorbereitet und dann doch überraschend wurde Schönbohm als Leiter des Planungsstabes vom damaligen Verteidigungsminister Dr. Gerhard Stoltenberg zum Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost in Strausberg bestellt. Damit wurde er mit dem 3. Oktober 1990 verantwortlich für die Eingliederung der vormaligen „Nationalen Volksarmee der DDR“ in die Bundeswehr des wieder vereinigten Deutschland. Wie er berichtete, konnten die Generale und Admirale der NVA schon aus einem politischen Grund nicht übernommen werden, da sie praktisch alle Mitglieder in der SED waren. Sie wurden noch von dem letzten DDR-Minister für Abrüstung und Verteidigung Rainer Eppelmann pensioniert. Bei den in die Bundeswehr auf Zeit übernommenen Soldaten, insbesondere bei Stabsoffizieren und Kompaniechefs – so Schönbohm – zählte bald das militärische Können und die in der neuen Konstellation zu meisternden Herausforderungen mehr als die ursprüngliche Herkunft des Einzelnen, man habe eben die gleiche Uniform getragen. Seine persönliche (Schönbohms) Herkunft, die Kenntnis der preußischen wie deutschen Geschichte und der Respekt gegenüber den ihm anvertrauten Soldaten sei für ihn das Fundament des Umgangs gewesen. Hierbei habe sich das Leitbild des „Bürgers in Uniform“ und das Konzept der Inneren Führung glänzend bewehrt, um in der „Armee der Einheit“ deren Folgen zu überwinden und zugleich die ersten Schritte „out of area“ zu tun, die die Bundeswehr schon kurz nach der Wiedervereinigung im UN-Auftrag beispielsweise nach Somalia geführt hätten. Aber zunächst habe man sich nicht nur um die Menschen und deren Ausbildung, sondern auch um die komplette Militärtechnik und die Munition der NVA kümmern müssen. Beide galt es sicher zu lagern, zu bewachen und sicher zu delaborieren. Das dies alles ohne ernstzunehmende Zwischenfälle gelungen sei, darüber sei er als damals oberster Verantwortlicher noch heute froh, ja stolz. Entscheidend sei für alle Betroffenen die Erfüllung des von der Politik formulierten Auftrags gewesen.

Aufrichtigkeit, Klarheit und Standhaftigkeit – diese drei Eigenschaften charakterisieren den Menschen Jörg Schönbohm, ob als Soldat der Bundeswehr oder als für Sicherheit verantwortlichen Politiker, dies wurde durch die vom Autor geschilderten Begebenheiten und die wiederholt auszugsweise Lesungen aus seinem Buch deutlich. - Bereits eingangs hatte er die Mithilfe seiner Ehefrau Eveline an dem Buchprojekt vermerkt, welches sich nicht nur an die Enkel des Ehepaares Schönbohm, sondern an viele Leser richtet, die die Zeitgeschichte aufmerksam als Zeugen mitverfolgen. Es ist ein Geschenk des Umbruches von 20 Jahren, welches viele Anwesende mit persönlichen Eindrücken verbinden können.

Schließlich sei durch den Chronisten angemerkt, dass in diesen Monaten nicht nur der Politiker Schönbohm in den Ruhestand getreten ist, sondern dass auch die letzten der vielen deutschen Stabsoffiziere mit Dienstzeiten in zwei Armeen das Pensionsalter erreichen. Insofern dankte das dankbare Publikum nicht nur nach einem äußerst anregenden Abend dem Gast mit lang anhaltendem Beifall, sondern es erscheint auch manchem Besucher die Zeit reif, nach dem Erreichen der „Armee der Einheit“ nun mit Elan die Neuausrichtung der Bundeswehr zu diskutieren, zu entscheiden und dann diese entschlossen umzusetzen.

‚Unmanned Aerial Systems (UAS)’ – Unbemanntes Fliegen

Ein weit in die Zukunft reichendes Thema behandelte die Kooperationsveranstaltung von Deutscher Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT) und der GfW-Sektion Berlin am 20.September 2010 mit der Überschrift ‚Unbemanntes Fliegen’. Gut hundert Gäste verfolgten die konzeptionellen Vorstellungen der Luftwaffe, vorgetragen von Oberst i.G. Christian Badia (Referatsleiter FüL III1), sowie den Überblick über die industriellen Entwicklungen, präsentiert von Franz Bucher (Fa. Cassidian – früher EADS D&S).

Eingerahmt von den Sektionsleitern der GfW und DWT:

Die Referenten Franz Bucher, Fa. CASSIDIAN und Oberst i.G. Badia, FüL III 1

Zuallererst wurde klargestellt, dass Unbemanntes Fliegen nicht automatisiertes Fliegen bedeutet kann, also das unbemannte Flugzeug wird ferngesteuert durch ausgebildete Piloten, die Sensorinformationen in Echtzeit verfolgen, um auf deren Basis einen sicheren Flug zu steuern. Insoweit werden auch alle neuen fliegenden Systeme aufwendige Erprobungen durchlaufen und als Luftfahrzeug zugelassen werden. Das heißt auch, dass Unbemanntes Fliegen keine Personaleinsparungen bringt; die U.S.-Luftwaffe braucht pro UAS derzeit rechnerisch 168 Mann Bedienpersonal, das sind eher mehr Köpfe als bei den bemannten Jets. Anforderungen an UAS orientieren sich prinzipiell an den geplanten Einsatzspektren; daneben  tragen sie zur Erhöhung des Schutzes der eingesetzten Kräfte bei, weil gegnerische  Waffenwirkung keinen Piloten im Flugzeug treffen kann.

Mit dem Leasingvertrag zur Beschaffung des UAS HERON1 sammelt die Luftwaffe in Afghanistan Einsatzerfahrung. Dabei werden die UAS komplementär zu den ebenfalls dort stationierten Recce-TORNADOS eingesetzt, zum Beispiel um ein aktuelles Lagebild auf den von Patrouillen genutzten Straßen zu erhalten. Dabei können UAS über Tage hinweg in der Luft verbleiben, da die physiologischen Beschränken einer Besatzung an Bord wegfallen.

Ob und wann neben den derzeit dominierenden amerikanischen und israelischen Systemen auch die europäische Luftfahrtindustrie UAS produzieren wird, wird und muss sich 2010/11 entscheiden. Diese europäische Grundsatzentscheidung erinnert an die damalige AIRBUS- Entscheidung vor vierzig Jahren, die verhindert hat, dass die europäische Zivilluftfahrt völlig von amerikanischen und russischen Unternehmen abhängig wurde, ja der ursprüngliche Rückstand über dreißig Jahre hinweg aufgeholt werden konnte. Der Entwicklungsvorsprung beträgt derzeit sechs bis zehn Jahre. Interessanterweise gibt es inzwischen auch schon nicht-militärische Anwendungen von UAS: nach dem Erdbeben in Haiti lieferten derartige Systeme erste flächendeckende Schadensbilder, die den Hilfsmannschaften eine zielgerichtete Hilfe schon im Anfangsstadium der Katastrophenhilfe ermöglichte.

Beinahe Routine: Truppenbesuch in Strausberg

Zusammen mit der Strausberger GfW-Sektion besuchte die Sektion das Zentrum für Transformation Strausberg. Kapitän zur See Friedhelm Stappen und seine Herren erläuterten in mehreren Vorträgen die Aufgabenstellung, die internationale Vernetzung der Transformationsaktivitäten und das vielfältige Spektrum der Zuarbeit des Zentrums für das BMVg.

Auch im vierten Quartal 2010 setzt die Sektion ihre kontinuierliche Arbeit fort: Angespornt durch insgesamt zwölf Veranstaltungen mit insgesamt fast 1000 Teilnehmern in der ersten Jahreshälfte setzt die Sektionsleitung auf den bewährten Mix aus Informationsveranstaltungen, Botschaftskontakten und Truppenbesuchen. Dabei greift die Sektion die Vorarbeiten zum ‚Neuen Strategischen Konzept der NATO’ noch vor dem NATO-Rat im November in Lissabon auf. Aktueller kann die Sektion kaum arbeiten.

Dr. Heinz Neubauer (Oberst d.R.)

Sektionsleiter

In eigener redaktioneller Verantwortung

 

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